Emotionen
Im Webinar mit Simon Frey wurde deutlich, wie zentral Gefühle für Lernen, Verhalten und Beziehung im Schulalltag sind. Gefühle sind nicht einfach „Störungen“, sondern oft Hinweise auf innere Belastung, unerfüllte Bedürfnisse oder fehlende Sicherheit. Gerade starke Reaktionen wie Weinen, Wut oder Rückzug entstehen selten aus dem Nichts. Oft ist vorher schon ganz viel passiert, was wir nicht gesehen haben.
Besonders wichtig war die Erkenntnis, dass nicht nur die Gefühle der Kinder zählen, sondern auch der Umgang der Lehrperson damit. Wie du Emotionen trägst, benennst, normalisierst und begleitest, prägt die Kultur im Klassenzimmer ganz wesentlich. Kinder lernen dabei nicht nur Fachinhalte, sondern auch, ob Gefühle Platz haben dürfen, ob sie mit schwierigen Zuständen sicher sind und wie Regulation gelingen kann.
Ein weiterer starker Gedanke aus dem Webinar: Es lohnt sich, nicht nur auf den Ausbruch zu schauen, sondern auf das, was davor war. Hinter Tränen, Wut oder Eskalation stehen oft viele kleine Momente von Überforderung, Frust, Kränkung, Scham oder Unsicherheit. Wer diesen Blick einnimmt, begleitet Kinder nicht nur disziplinarisch, sondern wirklich pädagogisch.
Die Aufzeichnung findest du unter Videos.
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Branka
Simon Frey ist ein erfahrener Schweizer Schulsozialarbeiter, der sich leidenschaftlich für eine „Schule mit Herz, Haltung und Humor“ einsetzt. Mit einem Bachelor of Science in Sozialer Arbeit und einer spezialisierten Weiterbildung (CAS) in Schulsozialarbeit begleitet er seit über zehn Jahren Kinder, Eltern und Lehrpersonen durch den Schulalltag. Aktuell ist er an der Primarschule Kollbrunn tätig, wo er psychosoziale Beratungen durchführt, in Krisen interveniert und Präventionsprojekte leitet.
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Gerne posten wir hier dein Material oder Artikel zu diesem Thema: info@paedagogik-plus.com
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Im Webinar mit Simon Frey wurde deutlich, wie zentral Gefühle für Lernen, Verhalten und Beziehung im Schulalltag sind. Gefühle sind nicht einfach „Störungen“, sondern oft Hinweise auf innere Belastung, unerfüllte Bedürfnisse oder fehlende Sicherheit. Gerade starke Reaktionen wie Weinen, Wut oder Rückzug entstehen selten aus dem Nichts. Oft ist vorher schon ganz viel passiert, was wir nicht gesehen haben.
Takeaways aus dem Webinar: Gefühle im Schulalltag mit Simon Frey
1. Gefühle brauchen Platz – nicht erst dann, wenn sie explodieren.
Emotionale Begleitung beginnt nicht erst im Krisenmoment, sondern im Alltag, in Ritualen, Gesprächen und im bewussten Wahrnehmen.
2. Hinter starkem Verhalten steckt fast immer eine Geschichte.
Ein Wutanfall, Rückzug oder Weinen ist oft nur der sichtbare letzte Punkt einer längeren inneren Kette.
3. Lehrpersonen prägen die emotionale Kultur der Klasse.
Ob Gefühle beschämt, ignoriert oder angenommen werden, hängt stark davon ab, wie Erwachsene darauf reagieren.
4. Co-Regulation ist Beziehungsarbeit – und sie ist anstrengend.
Emotionale Begleitung kostet Kraft. Deshalb brauchen Lehrpersonen auch selbst Strategien, Reflexion und Unterstützung.
5. Psychoedukation hilft Kindern enorm.
Wenn Kinder verstehen, was in ihrem Körper und Gehirn passiert, erleben sie sich weniger als „falsch“ und mehr als handlungsfähig.
6. Nicht jedes Kind spricht über Gefühle.
Darum sind Bilder, Tiere, Geschichten, Symbole, Bücher und externalisierende Methoden so wertvoll.
7. Gute Begleitung ist Teamarbeit.
Schwierige Situationen sollten nicht zu lange allein getragen werden. Frühes Anklopfen bei Team, SHP, SSA oder Schulleitung ist kein Scheitern, sondern Professionalität.
Umsetzungsideen
1. Gefühlsritual im Unterricht etablieren
Nutze 2-3 Mal pro Woche ein kurzes Ankommensritual mit Gefühlskarten, Symbolen oder Bildern. Die Kinder legen einen Stein, Magneten oder Clip zu dem Gefühl, das sie gerade am meisten anspricht. Das muss nicht lange besprochen werden. Allein das Sichtbarmachen schafft Raum und Sprache.
2. Gefühle externalisieren statt personalisieren
Sprich nicht direkt über „das schwierige Kind“, sondern über eine Figur, ein Bilderbuch, ein Tier oder eine beispielhafte Situation. Das nimmt Druck raus und öffnet oft viel tiefere Gespräche.
3. Vor dem Ausbruch genauer hinschauen
Wenn ein Kind stark reagiert, frage dich innerlich nicht zuerst: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“, sondern:
„Was könnte davor passiert sein?“
„Was hat das Kind vielleicht schon lange getragen?“
„Welches Bedürfnis könnte verletzt worden sein?“
4. Kinder in Selbstwahrnehmung schulen
Hilf Kindern, früher zu merken, wann es ihnen zu viel wird. Zum Beispiel mit Fragen wie:
- Wo spürst du das im Körper?
- Woran merkst du, dass dein Fass voller wird?
- Was hilft dir, bevor es kippt?
5. Einen Notfallplan mit dem Kind entwickeln
Überlege mit einzelnen Kindern im ruhigen Moment:
- Was ist dein sicheres Zeichen?
- Was hilft dir, wenn es zu viel wird?
- Wo kannst du hingehen?
- Wer hilft dir?
- Was kannst du tun, bevor du explodierst?
Das darf konkret und einfach sein: trinken, kurz raus, etwas holen, tief atmen, auf einen festen Platz sitzen, Hilfe holen.
6. Übergänge bewusster gestalten
Nicht nur der Morgen braucht Ankommen. Auch nach der Pause, nach Konflikten oder nach bewegten Sequenzen brauchen viele Kinder einen kleinen Übergang. Das kann ein Kreis, eine kurze Stilleübung, ein Ton, ein Atemmoment oder eine Einzelstartphase sein.
7. Eigene Regulation ernst nehmen
Frage dich auch selbst regelmässig:
- Wie geht es mir gerade?
- Was bringe ich emotional mit?
- Wo reagiere ich aus Ruhe – und wo aus Anspannung oder Kontrollangst?
Das ist keine Nebensache. Deine innere Verfassung wirkt direkt auf deine Klasse.
8. Früh Unterstützung holen
Wenn du merkst, dass dich eine Situation dauerhaft stresst oder du das Gefühl hast, nur noch „funktionieren“ zu müssen, dann hol dir früh Unterstützung. Nicht erst dann, wenn alles eskaliert. Das ist ein entscheidender Schutzfaktor – für dich und für die Kinder.

