Vom Lehrer-Burnout zur Inklusion: Ein praktischer Weg
Als Lehrer überfordert? Ein Coaching-Fall aus meiner Praxis
Der Moment, in dem sie nicht mehr konnte
Da sass sie. Die Kaffeetasse kalt vor ihr. Die Hände zitternd. Leise sagte sie: “Ich wollte doch nur gut unterrichten.”
Vier Schüler ohne Deutschkenntnisse. Drei mit ADHS. Eine Schulleitung, die nicht hinschaute.
Diesen Moment kannte ich. Nicht ihre Geschichte. Aber das Muster dahinter: die stille Überforderung, die niemand sieht, bis sie laut wird.
Die versteckte Überforderung: Wie Burnout bei Lehrkräften entsteht
Die Nächte vor dem Sturm
Nicht vom Zusammenbruch selbst erzählte sie mir. Sondern von den Wochen davor. Von dem, was niemand sah.
In den Nächten lag sie stundenlang wach. Länger wurden dabei die Listen, je mehr sie abhakte. Immer enger fühlte sich der Tunnel an, in dem sie lief.
Morgens war sie schon erschöpft. Abends leer.
Kein Moment ist Überforderung. Ein Prozess ist es. Langsam. Unmerklich. Bis die Last nicht mehr getragen werden kann.
Wenn der Körper streikt: Angstattacken im Unterricht
Unangekündigt kamen die Anfälle. Mitten in der Erklärung an der Tafel. Plötzlich dieses Rauschen in den Ohren. Herzrasen. Schwitzen. Atemnot.
Verstecken lernte sie sie. Lächeln. Weitermachen. Atmen. Bis niemand mehr etwas merkte. Bis sie selbst nicht mehr wusste, was echt war und was gespielt.
Schrie der Körper. Doch sie hörte nicht hin.
Die innere Falle: Perfektionismus bei Lehrern
Der Gedanke, der alles bestimmte
Aus einem Kreislauf entsteht unser Verhalten: Situation, Gefühl, Gedanke, Handlung.
Bei ihr lief dieser Kreislauf immer schneller ab. Extrem war die Situation: 27 Schüler, vier ohne Deutsch, drei mit ADHS. Panik, Schuld, Hilflosigkeit waren die Gefühle. Und der Gedanke: Eine gute Lehrerin schafft das.
Folglich war die Handlung: noch mehr geben, noch weniger schlafen, bis zum Geht-nicht-mehr. Dann wieder von vorne, schneller, heftiger, bis der Körper komplett streikte.
An dem, was sie glaubte, tun zu müssen, hing ihr Selbstwert.
Das Schweigen, das kränkt
Niemand fragte, wie es ihr ging. Die Schulleitung sah die Klassenlisten, nicht die Lehrerin. Die Eltern sahen nur ihre Kinder, nicht die Frau, die für alle sorgen sollte. Die Schüler:innen sahen die Lehrerin, nicht den Menschen dahinter.
Folglich fühlte sie sich allein. Mit zu viel.
Kränkend war das Schweigen. Nicht die schwere Arbeit. Sondern das Gefühl, unsichtbar zu sein in der eigenen Erschöpfung.
Der erste Schritt im Coaching: Die Radio-Technik
Ich fragte sie: “Stell dir vor, dein Geist ist ein Radio. Ständig sendet er: ‘Du lässt den Jungen im Stich. Du bist unfair. Du versagst.’ Was würdest du mit diesem Radio machen?”
Bitter lachte sie. “Ausschalten wollen. Geht nicht.”
“Richtig. Aber du kannst die Lautstärke drehen. Hören, ohne zuzuhören.”
Die Radio-Technik – eine meiner Impact-Methoden – bedeutet: Nicht gegen den Gedanken zu kämpfen, ihm nur nicht mehr die Fernbedienung zu geben.
Noch am selben Tag probierte sie es: “Ich habe den Gedanken, dass ich versage” statt “Ich versage”. Ein kleiner Unterschied. Ein grosser Schritt.
Wenn du dich für weitere Impact-Techniken interessierst, dann solltest du unbedingt beim nächsten Workshop dabei sein und mit uns den Deep Dive machen.
Kommunikation, die entlastet: Gespräche mit Schulleitung und Eltern
Von der Klage zur Lösung
Der schwerste Schritt war der erste. Nicht weil sie nicht wusste, was sie brauchte. Sondern weil sie fürchtete, als schwach zu gelten.
Im Coaching übten wir es. Nicht mit “Ich schaffe das nicht”. Sondern mit einer Frage, die den Fokus verschob: “Wie können wir sicherstellen, dass diese vier Kinder die Chance haben, zu lernen?”
Zuhörte die Schulleitung. Nickte. Sagte zu. Und doch passierte nichts.
Darum probierte sie es wieder. Konkreter. Mit drei Vorschlägen: Sprachmittlerin, Kernzeitgruppen, zusätzliche Vorbereitungszeit. Wieder das Nicken. Wieder das Warten.
Erst als sie dokumentierte (Stunde für Stunde, was nicht funktionierte) wurde es ernst. Als Spiegel. Als Frage: “Welche Lösung finden wir?”
Zögernd kam die Antwort. Eine halbe Stelle. Ein Zusagen, das noch nicht einlösbar war. Aber ein Anfang.
Und dann der Brief. Nicht in Wut. In Klarheit: “Ohne diese Unterstützung kann ich die Integrationsaufgabe nicht sicherstellen.” Keine Bitte. Eine Feststellung mit Konsequenz, die die Schulleitung endlich aufrüttelte.
Brücken bauen, wo Eltern nicht kommen können
Zu den Gesprächen kamen die Eltern der vier Schüler ohne Deutschkenntnisse nicht. Schichtarbeit. Behördenangst. Scham, weil sie selbst nicht lesen konnten.
Also hörte sie auf, das als Ablehnung zu deuten. Suchte nach Ressourcen, die da waren: ein Onkel, der abholte, eine ältere Schwester, die übersetzte, eine Nachbarin am Tor.
Wo keine Eltern erreichbar waren, baute sie das Netzwerk aus. Schulsozialarbeiter. Integrationslotsin. Bibliothekarin mit Flyern in verschiedenen Sprachen. Zur Detektivin ihrer eigenen Ressourcen wurde sie so.
Praktische Hilfen im Unterricht: Struktur statt Chaos
Das Morgenritual: Sicherheit durch Gewohnheit
Jedes Kind wählt zu Beginn eine Tür. Nicht für immer. Für diesen Morgen.
Rot bedeutet Bewegungsdrang. Dahinter liegen zehn Übungen auf einem Plakat. Hampelmänner. Schulterkreisen. Auf der Stelle hüpfen. Treppe hoch und runter. Zwei Minuten. Legitim. Sichtbar.
Blau bedeutet Ruhe. Dahinter sitzen drei Kissen. Ein Atem-Stein. Lesebücher. Drei Minuten darf das Kind dort bleiben. Oder länger. Bis es bereit ist. Niemand fragt warum.
Gelb bedeutet Wort-Bild. Dahinter liegen vier Karten. Apfel. Tisch. Buch. Stuhl. Das Kind malt ab. Schreibt das deutsche Wort daneben. Zeigt es einer Freundin. Keine Korrektur. Nur Anschauen. Nur da sein.
Jeden Montag wählen sie neu. Nicht für immer. Zum Ausprobieren. Zum Wechseln.
Sieht die Lehrerin zu. Merkt sich. Wer braucht öfter Bewegung? Wer öfter Stille? Wer die Sprache in Bildern?
Die Körper-Steine: Ein Bewegungssystem für die Klasse
Auf jedem Tisch lagen drei Steine. Rot. Gelb. Grün. Aus dem Kiesplatz. Gewaschen. Sortiert.
Setzte das Kind den Stein, was es brauchte. Ohne Worte. Ohne Fragen.
Rot bedeutete: Ich brauche Luft. Stand das Kind auf. Ging zur Tür. Lief die Treppe hoch und runter. Zwei Minuten. Keine Erklärung. Zurückkommen, als wäre nichts gewesen. Weil nichts gewesen war. Nur Atem. Nur Schritte.
Gelb bedeutete: Wir brauchen eine Pause. Nicht allein. Gemeinsam. Stand die Klasse auf. Zwei Minuten Bewegung. Alle. Dann weiter.
Grün bedeutete: Es geht für mich noch. Nicht immer. Für jetzt. Für diesen Satz.
Ihre Erfindung waren diese Steine. Im Klassenrat. Als Antwort auf: “Wie können wir lernen, ohne stillzusitzen?”
Inklusion im Alltag: Das Buddy-System
Zwei Buddies bekam jeder der vier neuen Schüler. Gezielt ausgewählt. Vorbereitet.
Begleitete der erste durch den Alltag. Zeigte den Weg zur Toilette. Erklärte den Stundenplan mit Bildern. Packte das Material zusammen. War da, wenn Worte nicht reichten.
Sass der zweite beim Lernen daneben. Zeigte statt erklärte. Nutzte Gesten. Zeichnungen. Die Übersetzer-App. Gab zurück mit einem Daumen. Einem Lächeln. Einem High-Five.
Alle vier Wochen wechselten die Paare. Damit nicht zwei die Last trugen. Damit mehr lernten, Verantwortung zu teilen.
Der Klassenrat: Kinder als Erfinder
Fand einmal pro Woche statt. Fünfzehn Minuten. Fester Kreis. Sie nur als Gast.
Gemeinsam fanden wir ein Wort: “Unser Knackpunkt”. Nicht Herausforderung. Nicht Rätsel. Unser Knackpunkt.
Stellte sie die Frage: “Wer hat diese Woche eine neue Idee für unseren Knackpunkt?”
Schlug ein Junge vor, fünf Wörter in der neuen Sprache zu lernen. Ein Mädchen wollte die Schule fotografieren. Ein anderer sagte: “Wir könnten einfach fragen, was sie brauchen.”
Blieb der Satz: “Sie sind nicht langsam. Sie haben ein anderes Tempo, wie einige von uns beim Sport auch.”
Schrieb die Lehrerin es an die Wand. Die Worte ihrer Schüler und Schülerinnen.
Lerngespräche: Die Gefühle-Kiste

Jeden Morgen stand eine Kiste auf dem Tisch der Lehrerin. Drei Fächer, schlicht und klar: Rot für Verwirrung, Gelb für Hilfe, Grün für Erfolg.
Wenn die Kinder morgens hereinkamen, legten sie ihren Namen in das Fach, das zu ihrem Inneren passte. Kein Wort war nötig, keine Erklärung. Wer rot wählte, sagte damit: Ich weiss nicht weiter. Ich verstehe nicht. Ich bin verloren. Wer gelb wählte, meinte: Ich komme zurecht, aber mühsam. Ich brauche einen Stups. Und wer grün wählte, wollte einfach sagen: Ich habe es geschafft. Ich möchte, dass das jemand weiss. Manche legten nur ihren Namen hinein. Manche fügten ein einzelnes Wort bei, manche ein kleines Bild. Das reichte. Es musste nicht mehr sein.
Die Lehrerin sammelte, was die Kiste ihr erzählte, und trug es in ihren Kalender ein. Montagmorgen, zehn Uhr, fünf Minuten mit Ahmed. Dienstag, kurz vor der Pause, drei Minuten mit Lisa. Mittwoch nach dem Mittagessen, zwei Gespräche hintereinander. So entstand aus dem spontanen Chaos des Schulalltags ein ruhiges, verlässliches Ritual – eines, bei dem niemand mehr rufen musste und niemand warten musste, bis es zu spät war.
Die Kiste sprach. Die Lehrerin hörte zu. Und wenn sie dann zurücksprach, brachte sie keine Lösungen mit – sondern Fragen, Stille und das schlichte Gefühl, wirklich gesehen zu werden.
KI als stille Helferin
Entdeckte sie Werkzeuge, die ihr Zeit schenkten. Nicht, um weniger zu arbeiten. Sondern um anders zu arbeiten. Mit mehr Herz. Weniger Handarbeit.
Für die Elternbriefe nutzte sie Übersetzung. Nicht perfekt. Verständlich. Ein Brief auf Arabisch, der ankam. Ein Satz auf Dari, der Vertrauen schuf. Prüfte sie nach. Korrigierte Namen. Passte Höflichkeitsformeln an. Das Wesentliche erledigte die KI. Das Menschliche blieb bei ihr.
Generierte sie Bilder für den Alltag mit wenigen Worten. Ein Apfel. Ein Tisch. Ein Kind, das grüsst. Nicht kunstvoll. Klar. Symbolhaft genug für die vier Schüler ohne Deutschkenntnisse. Druckte sie aus. Legte sie in das DaZ-Fach. Ohne Stunden zu zeichnen. Ohne zu basteln in der Nacht.
Vereinfachte sie Texte für die DaZ-Lernenden. Ein Absatz aus dem Schulbuch. Eingefüttert in die KI. Zurückkam ein Satz mit drei Hauptsätzen. Las sie ihn durch. Strich eine Stelle nach. Fügte ein Wort ein. Fertig.
Passte sie Übungen nach Fähigkeitsständen an. Drei Versionen desselben Arbeitsblatts. Eins mit mehr Bildern. Eins mit weniger Text. Eins mit zusätzlichen Hinweisen. Generiert in Minuten. Nicht in Stunden.
Der Wendepunkt: Gut genug
In der Pause sass sie eine Woche später. Nicht rennend. Nicht planend. Einfach da.
Um die noch warme Tasse geschlossen die Hände. Durchs Fenster der Blick. Wo zwei Mädchen Seil sprangen.
Dachte sie: Ich mache, was ich kann. Diese Kinder haben ein anderes Tempo. Und das ist okay.
Nicht weniger Engagement war das. Bewussteres. Niedrigerer Anspruch. Höhere Präsenz.
Aufgehört hatte sie, gegen die Unmöglichkeit anzukämpfen. Begonnen, mit dem Möglichen zu arbeiten. Ein Kind verstanden. Ein Satz vermittelt. Ein Moment, in dem sie wirklich da war.
Reagiert hatte die Schulleitung. Halb. Zögernd. Aber da. Kam nun dienstags und donnerstags die Sprachmittlerin. War genehmigt die zusätzliche Vorbereitungsstunde. Wenn auch noch nicht ausgezahlt.
Schickten manchmal die Eltern ein Foto. Vom Frühstückstisch. Übte stolz der Sohn seine deutschen Wörter. Fragten manchmal die Schüler, wie es ihr ging. Nicht immer. Aber manchmal.
Und das reichte. Für den Anfang. Für den nächsten Atemzug. Für den Glauben, dass es weitergehen konnte.
Fünf Schritte für dich, wenn dich eine Stelle hier berührt hat
Vielleicht hast du beim Lesen genickt. Vielleicht dachtest du: So geht es mir auch. Oder: Das könnte ich ausprobieren.
Dann warte nicht. Nicht bis zum nächsten Zusammenbruch. Nicht bis die Liste länger wird als die Nacht.
Nimm dir Zeit. Jetzt. Für einen einzigen Punkt.
Das Radio bemerken “Ich muss…” wird zu “Ich habe den Gedanken, ich müsste…”
Spürst du den Unterschied? Der Gedanke verliert Gewicht. Du gewinnst Raum.
Die Pflanze fragen Abends: Was hat mich genährt? Was ausgezehrt?
Morgens: Was brauche ich, bevor ich gebe?
Nicht viel. Ein Moment. Ein Atemzug.
Ein Gespräch führen Nicht über Fehler. Über Bedürfnisse.
Mit einem Schüler. Einem Kollegen. Dir selbst.
Fünf Minuten reichen. Die Tür öffnet sich von allein.
Eine klare Botschaft formulieren Nicht: “Es ist zu viel.”
Sondern: “Für diese Situation brauche ich X.”
Konkret. Faktisch. Ohne Schuld.
Einen Stein rausnehmen Eine Sache heute nicht tun.
Bewusst. Ohne Schuld.
Als Experiment. Als Geschenk an dich selbst.
Wenn du hier angekommen bist und denkst: Das könnte mehr sein. Das könnte ich tiefer gehen. Mit Unterstützung. Mit Struktur.
Dann komm in meinen Impact-Workshop. Dort üben wir das Radio leiser drehen. Die Steine setzen. Die Gespräche führen, die wirklich entlasten.
Nicht allein. Gemeinsam.
Der nächste Termin steht. Oder schreib mir einfach.
Zum Nachdenken
Selten entsteht Burnout bei Lehrern plötzlich. Ein Prozess ist es. Eine Summe aus kleinen Momenten, in denen wir sagen: “Das geht schon.”
Bis es nicht mehr geht.
Besonders gefährdet sind die guten Lehrerinnen. Weil sie mehr geben. Weil sie glauben, sie müssten. Weil niemand sie fragt, wie es ihnen geht.
Nicht in mehr Anstrengung liegt die Lösung. Sondern in weniger Widerstand. In der Akzeptanz, dass nicht alles geht. Und in dem Mut, das laut zu sagen.
Was ich mitnehme
Nicht Lösungen zu liefern ist meine Rolle als Coach. Sondern Raum zu schaffen.
Für Gedanken, die leiser werden dürfen. Für Gefühle, die nicht mehr versteckt werden müssen. Für Schritte, die klein sein dürfen.
Noch immer begleitet mich dieser Fall. Wenn ich eine Lehrerin treffe, die zu laut lächelt. Die zu schnell spricht. Die sagt: “Es geht schon.”
Dann denke ich an sie. An die kalte Tasse Kaffee. An die zitternden Hände. An den Moment, in dem sie begriff, dass sie nicht allein war.
Und frage ich mich: Wer braucht heute jemanden, der zuhört?
Und du?
Was nimmst du mit? Welcher Moment hat bei dir geklungen? Welcher Gedanke willst du leiser drehen?
Schreib mir.

