Neurodivergenz: Wie du als Lehrer den Unterschied machst

Ein Satz, der nachhallt. Zudem ist es ein Satz, der mitten ins Herz deiner Arbeit als Pädagoge zielt.

“Nur ein Lehrer konnte mit mir umgehen, weil er mich verstanden hat.”

Diese Worte stammen von Johnny Bilet. Heute ist er ein erfolgreicher Unternehmer, obwohl sein Weg durch die Schule von Missverständnissen geprägt war. In unserem Gespräch hat er uns einen tiefen Einblick gegeben, was diesen einen Lehrer so besonders machte – und was andere übersehen haben.
Seine Kernbotschaft ist klar: Es geht nicht um perfekte Diagnosen, sondern um menschliche Verbindung, Klarheit und Mitbestimmung.
Wie aber schaffst du das im hektischen Schulalltag? Ganz einfach, indem du dich auf vier entscheidende Bereiche konzentrierst, die direkt aus Johnnys Erfahrungen abgeleitet sind.

1. Die Macht der Erwartungen: Schaffe Klarheit und Sicherheit

Ein zentrales Highlight aus dem Gespräch mit Johnny ist die immense Bedeutung von vorhersehbaren Strukturen. Neurodivergente Gehirne haben nämlich oft Schwierigkeiten mit unklaren Übergängen oder überraschenden Planänderungen. Das erzeugt Stress, der oft als “Störung” fehlinterpretiert wird.
Konkrete Umsetzungsschritte für mehr Klarheit:
  • Visualisiere den Tagesablauf: Schreibe die Agenda des Tages oder der Lektion an die Tafel. Denn ein kurzer Überblick (z.B. “1. Stillarbeit, 2. Diskussion, 3. Gruppenpuzzle”) gibt Orientierung und reduziert Angst.
  • Sei explizit bei Anweisungen: Statt “Lest den Text und beantwortet die Fragen”, sei präziser: “Ihr habt 15 Minuten Zeit, die Absätze 1 und 2 leise zu lesen. Sucht dabei nach drei Hauptargumenten. Anschliessend schreibt diese in ganzen Sätzen auf.”
  • Kündige Übergänge an: Ein einfacher Satz wie “In zwei Minuten räumen wir die Bücher weg und bereiten uns auf die Gruppenarbeit vor” kann einen riesigen Unterschied machen, weil er einem Schüler hilft, sich mental vorzubereiten.

2. Die Kraft der Mitbestimmung: Gib Kontrolle zurück

Johnny betonte, wie wichtig es war, als Person wahrgenommen zu werden, nicht als Problem. Ein Gefühl der Machtlosigkeit ist tatsächlich für viele neurodivergente Schüler Alltag. Indem du ihnen kleine Entscheidungen überlässt, gibst du ihnen Selbstwirksamkeit und Würde zurück.
Konkrete Umsetzungsschritte für mehr Mitbestimmung:
  • Biete Wahlmöglichkeiten an: “Möchtest du die Aufgabe am Pult oder lieber auf dem Sitzsack bearbeiten?” oder “Willst du deine Ergebnisse als Text oder als Zeichnung präsentieren?” Solche kleinen Freiheiten sind ein Ventil und zeigen Respekt vor individuellen Bedürfnissen.
  • Frage “Was brauchst du?”: Dies ist die vielleicht wichtigste Frage. Statt zu sanktionieren (“Warum störst du?”), frage lösungsorientiert: “Ich sehe, du bist unruhig. Was würde dir jetzt helfen, dich besser zu konzentrieren?” Mache den Schüler also zum Partner.
  • Beziehe sie in die Lösungsfindung ein: “Lass uns gemeinsam überlegen: Welchen Platz im Klassenzimmer findest du am besten, um in Ruhe arbeiten zu können?”

3. Die Magie des Gesprächs: Baue eine echte Verbindung auf

Der Lehrer, der Johnny verstand, tat vor allem eines: Er führte Gespräche, die über den Lehrstoff hinausgingen. Folglich zeigte er authentisches Interesse am Menschen Johnny. Diese Beziehung war das Fundament, auf dem alles andere aufbaute.
Konkrete Umsetzungsschritte für mehr Verbindung:
  • Die “5-Minuten-Insel”: Nimm dir bewusst einmal pro Woche fünf Minuten Zeit für ein Gespräch, das nichts mit Leistung zu tun hat. Frag nach dem Hobby, dem Wochenende, dem Lieblingsspiel. Kurz gesagt: Zeige, dass du den Menschen siehst, nicht nur den Schüler.
  • Höre aktiv zu: Wenn ein Schüler von sich erzählt, sei präsent. Lege den Rotstift weg, wende dich ihm zu. Denn oft sind es diese kurzen, ungeteilten Momente der Aufmerksamkeit, die Vertrauen schaffen.
  • Teile etwas von dir: Authentizität schafft Nähe. Ein kurzer, passender Satz über eigene Interessen oder eine eigene frühere Schwierigkeit kann eine Brücke bauen und dich menschlicher machen.

Dein Einfluss ist grösser, als du denkst

Johnnys Geschichte ist kein Einzelfall. Vielmehr ist sie ein kraftvolles Plädoyer dafür, dass du als Lehrkraft eine immense Macht hast. Du musst kein Experte für Neurodivergenz sein. Du musst nur bereit sein, Klarheit zu schaffen, Mitbestimmung zu ermöglichen und echte Gespräche zu führen.
Sei neugierig. Sei mutig. Sei vielleicht genau die eine Lehrkraft, an die sich ein Schüler ein Leben lang mit Dankbarkeit erinnert.

Was probierst du aus? Wie unterstützt du deine Schüler und Schülerinnen?

Das vollständige Gespräch mit Johnny Billeter findest du im Mitgliederbereich. 
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