Selbstregulation im Klassenzimmer: Ein Leitfaden mit acht wirksamen Strategien

Mit praktischen Tipps zur Umsetzung

Ein lauter Streit in der hinteren Reihe, ein Kind, das plötzlich weint, weil es eine Korrektur bekommen hat, oder deine eigene Anspannung, die nach einem langen Schultag spürbar wird. Solche Momente kennst du als Lehrperson nur zu gut. Doch was steckt wirklich hinter diesen emotionalen Ausbrüchen? Und noch wichtiger: Wie kannst du sie verstehen und konstruktiv damit umgehen?

Der Schlüssel liegt in einer einzigen, aber entscheidenden Fähigkeit: der Selbstregulation. In diesem umfassenden Leitfaden nehmen wir dich mit auf eine Reise durch die Welt der Emotionen im Klassenzimmer.

Du wirst verstehen, was wirklich hinter den Gefühlen steckt, wie dein Gehirn und das der Kinder funktioniert, und vor allem: wie du konkret im Schulalltag handeln kannst.

Was bedeutet Selbstregulation wirklich?

Selbstregulation ist die Fähigkeit, die eigenen Emotionen, Gedanken und Impulse zu akzeptieren und zu steuern. Es geht darum, nicht reflexartig auf einen Reiz zu reagieren, sondern bewusst eine Entscheidung zu treffen. Für deine Schüler:innen bedeutet das, mit Frustration besser umzugehen, sich länger konzentrieren zu können und soziale Konflikte konstruktiver zu lösen. Für dich als Lehrperson ist es das Werkzeug, um auch in stressigen Situationen gelassen und handlungsfähig zu bleiben.

Doch hier kommt der entscheidende Punkt: Selbstregulation ist nicht angeboren. Sie ist eine Fähigkeit, die gelernt und trainiert wird. Und du spielst dabei die wichtigste Rolle.

Das Gehirn verstehen: Warum Kinder manchmal nicht mehr denken können

Um Selbstregulation wirksam zu fördern, hilft es, zu verstehen, was im Gehirn geschieht, wenn starke Emotionen auftauchen.

➡️ Das limbische System: Dein Alarmsystem

Das limbische System ist unser Überlebenssystem. Es ist evolutionär dafür gedacht, uns vor Gefahren zu schützen. Wenn es aktiviert wird – zum Beispiel durch Angst, Wut oder Frustration – gehen bildhaft gesprochen in unserem Gehirn «rote Lämpchen an». Das System sagt: «Achtung, Gefahr!» Dann haben wir die Wahl zwischen Kampf, Flucht und Erstarren.

➡️ Der präfrontale Kortex: Das Denkhirn

Der präfrontale Kortex ist unser Denkorgan. Hier finden logisches Denken, Problemlösung und rationale Entscheidungen statt. Solange dieser arbeitet, sind wir in der Lage zu überlegen: «Was ist das Beste, was ich jetzt tun kann?»

Das Problem: Wenn das Alarmsystem aktiviert ist, geht nichts mehr!

Hier kommt die entscheidende Erkenntnis: Wenn die Amygdala aktiviert ist, dann ist im präfrontalen Kortex alles schwarz. Das «Angstzentrum» blockiert alles.

Das Kind kann nun nicht mehr denken. Es kann nicht logisch überlegen, es kann sich nicht «zusammenreissen», es kann nicht einfach «ruhig bleiben». Das bedeutet: Wenn ein Kind in einem emotionalen Ausbruch ist, ist es neurobiologisch nicht möglich, dass es rational denkt. Du kannst es nicht mit Logik erreichen. Du kannst nicht sagen: «Komm, denk doch mal nach, was du getan hast.» Das funktioniert nicht, weil das Denkhirn gerade offline ist.

Die gute Nachricht: Das Gehirn kann Regulation lernen

Mit der Zeit lernen die verschiedenen Gehirnareale, miteinander zu kommunizieren. Das ist das grosse Ziel der Selbstregulation: dass das Kind lernt, das Alarmsystem zu beruhigen und den Kortex wieder einzuschalten. Das passiert durch Übung, durch Wiederholung und durch deine Unterstützung als Co-Regulator.

8 Strategien für mehr Selbstregulation im Klassenzimmer

Strategie 1: Das Gehirn erklären – Psychoedukation

Eine der wirksamsten Strategien ist, Kindern kindgerecht zu erklären, wie ihr Gehirn funktioniert.

1. Die Hand als Gehirn-Modell (nach Dan Siegel):

  • Dein Daumen ist die Amygdala (das Angstzentrum)
  • Deine vier Finger sind der Kortex (das Denkhirn)
  • Wenn die Amygdala aktiviert ist, «rollen sich die anderen vier Finger ein» – das Denkhirn ist offline

Du kannst dem Kind zeigen, wie das funktioniert. Strecke zuerst die vier Kortex-Finger aus. Sobald der Daumen hochkommt, rollst du alle Kortex-Finger ein. Die Aufgabe ist, die Finger wieder «hochzuklappen», sodass das Denkhirn wieder eingeschaltet wird.

2. Die Ampel-Metapher:

  • Grün: Ich bin ruhig und kann denken
  • Gelb: Ich bin aufgeregt oder gestresst
  • Rot: Ich bin ausser Kontrolle, das Alarmsystem ist aktiviert

Mit dieser Metapher kannst du mit Kindern über ihre emotionalen Zustände sprechen: «In welcher Farbe denkst du gerade?»

3. Die Lämpchen-Metapher:

Wenn das Angstzentrum aktiviert ist, gehen «rote Lämpchen» an und vorne im Denkhirn ist alles schwarz. Mit Übung lernt das Kind jedoch, diese Lämpchen wieder auszuschalten.

Strategie 2: «Strich-Tracking» – Das Sichtbarmachen von Erfolgen

Ein einfacher und wirkungsvoller aAuftrag könnte sein: Jedes Mal, wenn du bermerkst, dass unterschiedliche Teile deines Gehirns miteinander ins Gespräch kommen oder wenn die Wut auftaucht und du es schaffst, einen Atemzug zu nehmen, dich zu bewegen oder Hilfe zu holen, machst du einen Strich auf einem Post-it-Block.

Das ist genial, weil es:

  1. Sichtbar macht, dass das Kind sich selbst reguliert
  2. Nicht bewertet, ob der Strich «richtig» ist oder nicht
  3. Dem Kind zeigt, dass es viele Momente im Tag gibt, in denen es übt, sich zu regulieren
  4. Positive Verstärkung gibt, ohne zu beschämen

Nach kurzer Zeit wird der Post-it-Block schon ziemlich voll mit Strichen sein. Das Kind sieht: «Ah, okay, ich habe viele Momente in meinem Tag, da übe ich, dass die unterschiedlichen Anteile von mir miteinander sprechen und sich ausbalancieren.»

Wie du das umsetzen kannst:

  • Gib einem Kind, das Schwierigkeiten mit Selbstregulation hat, einen kleinen Block
  • Erkläre: «Jedes Mal, wenn du merkst, dass du dich selbst beruhigst, machst du einen Strich»
  • Feiert zusammen die Striche – nicht als «Beweis», sondern um den Erfolg wertzuschätzen

Strategie 3: Externalisierung – Über Gefühle sprechen, ohne das Kind zu beschämen

Anstatt über das Kind zu sprechen, thematisiere lieber das Gefühl oder die Situation. Das entlastet das Kind und macht es einfacher, über schwierige Themen zu sprechen.

Beispiele:

  • Anstatt: «Du bist so wütend» → «Manchmal kommt eine Wut, die ist so gross …»
  • Anstatt: «Du weinst immer schnell» → «Manchmal erleben wir Dinge ganz intensiv und dann kommen Tränen»
  • Anstatt: «Du sprichst nie im Klassenzimmer» → «Manchmal brauchen Kinder mehr Zeit, bevor sie sprechen.»

Du kannst auch Geschichten erzählen und Bilderbücher nutzen. Das macht es für Kinder einfacher, sich selbst in der Geschichte zu sehen, ohne sich beschämt zu fühlen.

Strategie 4: Gewaltfreie Kommunikation – Bedürfnisse erkennen 

Wenn ein Kind einen Wutanfall hat oder schlägt, ist es oft nicht das Verhalten, das das Problem ist, sondern ein unerfülltes Bedürfnis.

Wenn ein Kind regelmässig um sich schlägt, dann sieht es aus, als würde das Kind einfach aggressiv sein. Aber wenn man tiefer gräbt, merkt man:
Es war ein Konflikt mit einem anderen Kind, das das erste Kind beleidigt hat.

Das erste Kind konnte das nicht in Worte fassen. Es konnte nicht um Hilfe bitten. Also schlug es zu.

Die Wahrheit: Das Kind brauchte psychologische Sicherheit. Es brauchte das Gefühl, respektiert und akzeptiert zu sein.
Aber es wusste nicht, wie es das kommunizieren sollte.

Wie du das umsetzen kannst:

  • Nimm dir Zeit für Lerngespräche
  • Geh weit zurück: «Was ist alles passiert, bevor du wütend wurdest?»
  • Frag nach dem Bedürfnis: «Was hast du in diesem Moment gebraucht?»
  • Biete Alternativen an: «Nächstes Mal, wenn dir das passiert, könntest du …»

Das ist emotionale Arbeit. Sie ist anstrengend. Aber sie ist der einzige Weg zu nachhaltiger Veränderung.

Strategie 5: Co-Regulation – Deine Rolle als emotionaler Anker

Co-Regulation bedeutet, dass du als Lehrperson dem Kind hilfst, sich zu regulieren. Du bist der emotionale Anker. Besonders bei jüngeren Kindern ist das entscheidend. Das Kind kann sich noch nicht selbst regulieren. Es braucht dich dafür.

Wie Co-Regulation funktioniert:

  • Du bleibst ruhig (das ist die schwierigste Aufgabe!)
  • Du zeigst dem Kind durch deine Präsenz: «Es ist okay, ich bin hier, du bist sicher»
  • Du nutzt deine ruhige Stimme, deine ruhigen Bewegungen
  • Du validierst das Gefühl: «Ich sehe, dass du wütend bist. Das ist okay.»
  • Du hilfst dem Kind, wieder herunterzukommen

Die Herausforderung: Das ist emotionale Arbeit. Und wenn du selbst gestresst bist, wenn du selbst ein volles Fass hast, ist das sehr schwierig.

Strategie 6: Deine eigene Selbstregulation – Das Vorbild sein

Hier kommt ein entscheidender Punkt: Wie du deine eigenen Gefühle trägst, ist genauso wichtig wie alles andere. Wenn du als Lehrperson explodierst, wenn du wütend wirst, wenn du dich nicht selbst regulieren kannst, dann lernen deine Schüler das. Sie lernen, dass Gefühle nicht zu regulieren sind, dass man einfach explodiert.

Was das bedeutet:

  • Wenn du merkst, dass du wütend wirst: Atme tief durch, mach einen Spaziergang, trink ein Glas Wasser
  • Falls du explodierst, erkläre: «Mir ist es gerade zu viel geworden. Das war nicht okay. Ich beruhige mich.»
  • Modelliere Selbstregulation und achte darauf, dass deine Schüler:innen es mitbekommen.

Strategie 7: Die «Cool-Down-Ecke» – Ein physischer Raum für Regulation

Eine Cool-Down-Ecke ist ein ruhiger Ort im Klassenzimmer, wo Kinder hingehen können, wenn sie sich überfordert fühlen.

Was gehört in eine Cool-Down-Ecke:

  • Visuelle Anleitungen für Atemübungen
  • Ein Poster mit den verschiedenen Strategien
  • Ein Kissen zum Kuscheln
  • Bilder oder Karten, die Ruhe vermitteln
  • Die Gefühlstiere oder andere Gefühlskarten

Wichtig: Das ist kein Bestrafungsort. Das ist ein Ort der Entlastung. Ein Kind geht dorthin, weil es sich überfordert fühlt, nicht weil es bestraft wird.

Fazit: Der Weg zur inneren Stärke beginnt mit dir!

Strategie 8: «Ruhe-Inseln» im Tagesablauf – Regelmässige Pausen für das Nervensystem

Kurze Ruhe-Inseln (2–5 Minuten) helfen dem Nervensystem, sich zu regulieren. Das ist keine Zeitverschwendung – das ist Investition in Konzentration und Wohlbefinden.

Mögliche Ruhe-Inseln lassen sich einfach in den Alltag integrieren. Nach der Pause können zwei Minuten stille Sitzmeditation helfen, wieder anzukommen. Vor einer Klassenarbeit reichen oft fünf tiefe Atemzüge, um Ruhe und Fokus zu fördern. Nach einem intensiven Unterrichtsblock können drei Minuten Entspannungsübung das Nervensystem spürbar entlasten.

Die 5-Dinge-Übung: Sucht euch gemeinsam…

5 Dinge, die ihr seht
4 Dinge, die ihr hört
3 Dinge, die ihr fühlt
2 Dinge, die ihr riecht
1 Ding, die ihr schmeckt

Das bringt das Kind ins Hier und Jetzt zurück und beruhigt das Nervensystem.

Die Förderung der Selbstregulation ist nicht nur eine Strategie für deine Schüler:innen. Es ist eine Investition in dich selbst, in dein Klassenzimmer und in die Qualität deiner Lehrtätigkeit. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, bewusst zu entscheiden, wie du mit Gefühlen umgehen möchtest.

Es geht darum, deine Schüler zu verstehen, nicht nur ihr Verhalten, sondern was dahintersteckt. Es geht darum, eine Umgebung zu schaffen, in der alle Gefühle da sein dürfen. Und es geht darum, dass du dich selbst nicht vergisst. Deine eigene Regulation ist genauso wichtig wie die deiner Schüler.

Es geht um Befähigung, um Empowerment, um Entlastung. Nicht um Bestrafung oder Beschämung

Der Weg zur inneren Stärke beginnt mit dem ersten Schritt. Und dieser Schritt könnte heute die Einrichtung einer «Cool-Down-Ecke» in deinem Klassenzimmer sein, deine Erklärung des Gehirns durch Metaphern oder deine ruhige Stimme, wenn ein Kind wütend wird. Du schaffst das. Und deine Schüler werden es dir danken.

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Das ist ein Ausschnitt aus unserem Pädagogik+ Achtsamkeitskurs.

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